Süddeutsche Zeitung, 27.8. 2009 , Till Briegleb

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Der Mops tanzt Schwanensee

Ein Festival für subversive Kunst am Hamburger Hafen stößt auf Widerstand

Wie schön, dass es in dem unübersichtlichen modernen Leben noch solche ewigen Konstanten gibt wie die linke Selbstzerfleischung. Da bemüht sich der Direktor der Hamburger Hochschule für Bildende Künste, Martin Köttering, seit Jahren um ein großes Festival in der Hamburger Hafen-City, auf dem sich Künstlerinitiativen aus aller Welt darstellen können, und sofort reagiert der ideologische Neidreflex. Deutsche Künstler, die selbst nicht eingeladen wurden, wittern eine "neo-liberale" Machenschaft der Organisatoren,weil diese ihr ansehnliches "Off"-Spektakel mit Hilfe von Sponsoren und der Hamburger Hafen-City-Gesellschaft finanzieren. Empört werden flammende Blogs gegen Köttering und seine Kuratorin Brigitte Kölle verfasst. Und schließlich schreiben einige aufrechte linke Künstler E-Mails an die internationalen Kollegen, in denen sie ihnen von der Teilnahme an dieser Marketingveranstaltung für "Gentrification" und "neo-liberale Hegemonie" abraten.


Diese Vorwürfe wirken angesichts des tatsächlichen Ereignisses mit dem sperrigen Titel "subvision. kunst. festival. off.", das am Mittwoch eröffnet wurde, geradezu lächerlich. Auf der letzten unbebauten Kaianlage in Zentrumsnähe, einem 10 000 Quadratmeter großen sandigen Areal, auf dem gleichzeitig noch die Baumaschinen für die Unilever-Zentrale nebenan herumlärmen, steht eine temporäre Stadt aus 100 Schiffscontainern, verbunden mit blauen Teppichbahnen. Dass diese eher schmuddelige und provisorische Installation PR-Leute der weltweiten "Finanzverschwörung" zu Freudentränen rührt, darf bezweifelt werden. Und dass die vielen abgerissenen, jungen Gestalten der 30 Künstler-Gruppen aus 20 Ländern, die noch während des Presserundgangs an ihren Kunstwerken herumbasteln, zum Verrat der Kunst ans Kapital taugen, glauben auch nur Leute, die in Che-Guevara-Bettwäsche schlafen.


Vielmehr geht es in der Auseinandersetzung, die hier geführt wird, um Deutungshoheit über Begriffe. Die Verwendung von Zuschreibungen wie "subversiv" und "off", die Köttering für das Festival verwendet, reizt offensichtlich jenen Teil der Kunstszene, der sich selbst über die Abgrenzung gegen kapitalistische Feindbilder definiert. Doch die meisten Künstlerinitiativen weltweit, zumindest die Mehrheit der anwesenden Gruppen, sind eher frei von engstirnigen Überzeugungen darüber, was politisch erlaubt sei. Sie haben sich nicht aus Motiven der Konspiration organisiert, sondern aus den unterschiedlichsten praktischen und lustvollen Überlegungen. Selbst ein Kollektiv wie Chto delat ("Was tun?") aus Sankt Petersburg, das in seinen Arbeiten die repressive Atmosphäre in Russland und die zunehmende Selbstzensur der Kuratoren und Künstler kritisiert, will mit der deutschen Polit-Hygiene nichts zu tun haben. Seine Mitglieder veröffentlichten aus diesem Anlass ein Manifest mit dem Titel "We are not off!", in dem es heißt: "Selbst-Marginalisierung ist keine Antwort!"

Einladend unfertig

Und tatsächlich unterscheidet diese Einstellung Künstlergruppen von Sekten. Seit es Selbstorganisation von Künstlern gibt, verstärkt seit dem Aufkommen der Avantgardebewegungen der Moderne, zielten die alternativen Konzepte immer auf Anerkennung und Wirkung in der Gesellschaft. Und wenn sich heute global Künstlerinitiativen in Hongkong oder Tijuana, Brüssel oder Rabat gründen, die eigene Räume bespielen, sich zu Netzwerken zusammenschließen oder alternative Ausstellungskonzepte im Internet oder im öffentlichen Raum erproben, dann entwickeln doch die wenigsten daraus ein Feindbild gegen Museen oder Festivals mit Sponsoren.

Diese erfrischende Ignoranz gegenüber Maßregeln kennzeichnet auch das "subvision"-Festival, denn es ist eben nicht: homogen. Künstler buddeln Erdlöcher und verschließen sie mit rosa Fluchttüren. Ein Mops tanzt Schwanensee. Einige Belgier versorgen das Publikum mit Faxkunstwerken. Animationen für skurrile Villen in den USA eines mexikanischen Architekten sind in einem überhitzten Container hinter Autoreifen zu sehen, während daneben das Projekt eines künstlerischen Ministaats skizziert wird. Dan Perjovschi zeigt sein Contemporary Art Archive aus Bukarest, der Hongkong-Chinese Kacey Wong läuft als vertriebener Wolkenkratzer verkleidet umher, und der Schwede Olof Olsson bietet Rat zu allem in einer persönlichen Sprechstunde. Überall flimmern Videos, hängt Gemaltes, krachen Soundinstallationen, über die man gerne mehr wüsste, was schnell gelingt, denn im Gegensatz zu anderen Festivals sind die rund 120 Künstler die ganze Zeit am Ort.

Entsprechend hat "subvision" etwas von einem Kunst-Flüchtlingslager zwischen Nobelwohnunungen, Baustellen und Schiffsverkehr. Der chaotische und dauerhaft halbfertige Charakter macht es leicht, die Künstler mit Fragen zu malträtieren. Das einladend Unfertige und teils Unprofessionelle vieler Darbietungen zerstört Hemmschwellen, kann aber auch Erwartungen enttäuschen.

Schnell wird klar, dass in diesem Babylon der Kunstsprachen weder Begriffe geklärt werden können noch ein wirkliches Verständnis für die Zusammenhänge entsteht, aus denen die Gruppen ihre alternativen Strategien entwickelt haben. Gerade das enge Schema des Containers begrenzt die Entfaltungsmöglichkeit stark.

Doch genau aus diesen scheinbaren Unzulänglichkeiten kann eine große Feier der Unkenntnis entstehen. Denn auf diesem Festival geht es eindeutig weniger um die Kunst als um die Künstler. Nur wer fragt, hat etwas davon. TILL BRIEGLEB


"subvision. kunst. festival. off." , bis 6. September, Hamburg, Strandkai;

www.subvision-hamburg.com